Casandras Träume

An den lieben Gott

Mein Name ist Casandra und ich bin neun Jahre alt. Ich habe immer versucht, ein artiges Mädchen zu sein und alles so zu machen, dass keiner böse wird. Ich habe versucht, nicht zu weinen, wenn andere Menschen gemein zu mir waren und ich habe nie etwas Böses getan, zumindest glaube ich das, denn ich kann mich an nichts erinnern. Oft sitze ich am Fenster unserer Hütte und frage mich, warum all das so ist, wie es ist. Warum leben wir in einer Hütte, die immer nass und klamm ist ... warum riecht es so komisch und warum ist es nie richtig warm?

Warum sagen die Leute aus dem Dorf, dass meine Eltern retard sind? Was heißt das? Mama hat mich doch lieb, sie kann nur manchmal nicht so wie die anderen. Und oft lacht sie ohne Grund, selbst wenn einer was Böses sagt. Und ich versuche das auch, aber nicht immer gelingt es mir.

Warum sind die anderen Kinder in der Schule immer so komisch zu mir?

Weil sie in richtigen Häusern leben dürfen? Glauben sie, dass ich nicht auch gerne in einem richtigen Haus leben würde? Oh doch, das würde ich, aber irgendwie sind all diese Dinge nicht für mich.

Warum? Habe ich irgendetwas getan, dass ich es nicht verdiene?

Die anderen Kinder lachen über mich, weil ich öfter Fehler mache, aber ich versuche doch auch alles, umso zu sein wie sie.

Ich versuche sauber zu sein, aber wir haben keine Waschmaschine und darum dauert es besonders im Winter Tage, bis ich etwas Frisches zum Anziehen habe. Oft wasche ich abends meine Strümpfe und ziehe sie noch feucht morgens an, damit sie nicht riechen ... damit sie nicht lachen.

Wenn die Lehrerin etwas sagt, versuche ich schnell zu tun, was sie sagt und auch wenn sie mich nicht mag, warum weiß ich nicht, ich mag sie sehr. Ich möchte auch einmal so sein wie sie.

Ich mag es, wenn es regnet, weil dann immer die Luft so frisch riecht und oft sitze ich hier und beobachte die Regentropfen von unserem Fenster aus. Dann fange ich an zu träumen, wie es wohl wäre, wenn wir auch ein Haus hätten.

Ich würde abends die Wäsche in eine Waschmaschine tun ... ich würde in einem richtigen Bett schlafen und es wäre selbst im Winter warm. Und dann würde in der Mitte des Zimmers ein Tisch stehen, an dem ich abends sitzen darf und meine Hausaufgaben machen kann. Und eine echte Lampe würde alles erleuchten. Und wir hätten richtige Stühle und könnten beim Essen zusammensitzen.

Meine Geschwister würden sich bestimmt genauso freuen ... aber ich habe es ihnen nie gesagt oder sie gefragt, weil ich nicht weiß, was sie dann von mir denken. Ich möchte nicht undankbar sein, es ist einfach nur die Frage, die immer wieder in meinem Kopf ist. Was habe ich falsch gemacht, dass wir so ein Leben haben müssen? Warum mag mich keiner, wenn ich doch nie gemein zu jemandem w

Ich sehe genauso aus, wie andere Kinder, zwei Hände, zwei Beine ... alles gleich ... bis auf, dass meine Haut dunkel ist ... sie sagen, ich bin hässlich und vielleicht haben sie recht ... ist es deshalb? Wegen meiner Hautfarbe?

Aus dem Fenster habe ich gesehen, dass Jenny und ihre Leute den anderen Familien in der Siedlung geholfen haben, Häuser zu bauen. Noch nicht bei allen, aber doch kann man sehen, wie toll die Häuser werden.

Ich habe Mama gefragt, ob wir auch bauen und sie hat nur mit den Schultern gezuckt und hat sich umgedreht. Aber ich war einfach zu neugierig und darum bin ich zu Ika gegangen, sie ist eine weise alte Frau und sie kennt Jenny schon aus einer Zeit, in der ich noch nicht geboren war.

Ika sagte, dass Jenny macht, was sie kann und dass es eine Liste gibt und jenachdem, wie Jenny es schafft, mit ihrem Verein Geld zu sammeln, die Häuser gebaut werden. Sie sagte, dass Jenny uns gerne allen helfen möchte und dass der Verein ganz

anders ist als alle Vereine, die sie kennt, weil sie meint, dass den Leuten, die es brauchen, die Hauser gebaut werden und nicht dem Verein und das wäre die größte Hilfe überhaupt.

 Ich habe nicht alles verstanden, was Ika gesagt hat ... Zum Beispiel, dass ein Haus ungefähr

3000 Euro kostet ... was sind Euro? Und dass diese immer erst zusammenkommen müssen und dass es dann weitergeht. Aber das mit der Liste habe ich verstanden und auch wenn Ika vielleicht böse geworden wäre ... ich habe sie gefragt, ob wir auch auf der Liste sind ... Da hat sie mich auf die Stirn geküsst und hat gesagt: Ganz bestimmt”

Und da hat sich so ein warmes Gefühl in mir ausgebreitet und jetzt sitze ich hier und schaue dem Regen zu und hoffe, dass der Tag kommt, an dem wir dran sind und ich jeden Tag zusehen kann, wie unser Haus aus dem Boden erwächst ... so wie die Blumen. Ich verspreche Dir lieber Gott, dass ich immer ein gutes Kind sein werde und immer versuchen werde, alles zu machen wie man mir sagt ... Aber bitte bitte mach, dass wir auf der Liste sind.

Deine Casandra


Infoblatt

Die Bautätigkeit unserer Familien hat sich 2018 deutlich ausgeweitet. Insbesondere in Sura Mare, Hamba und inzwischen auch in Alțâna haben wir mit einer großen Menge Baumaterial dafür gesorgt, dass sich Wohnverhältnisse entscheidend verbessern.

Der Schub, den die Familien dadurch bekommen, lässt uns selbst staunen. Von Lethargie und Hoffnungslosigkeit ist keine Spur mehr. Viele wollen jetzt mehr. Sie haben Ziele und tun etwas dafür. Wesentlich mehr Väter haben jetzt eine Festanstellung und können auch dazu beitragen, die Verhältnisse noch selbst zu verbessern. Ihr Selbstvertrauen ist gestiegen, ihre Familie zu ernähren und ihr ein Heim zu bieten. Sie wollen unabhängig sein. Dieses Gefühl wollen wir weiter stärken, damit die Familien eines Tages auf eigenen Beinen stehen können.

Das hat uns unsere bisherige Strategie überdenken lassen. Haben wir bisher zunächst mit Lebensmittelhilfen begonnen und erst nach und nach versucht, die Familien langsam daran heranzuführen, ihre Wohnverhältnisse zu verbessern, so sind wir jetzt einer anderen Überzeugung. Wer anständig wohnt, wer einen Strom- und einen Wasseranschluss hat, wer ein richtiges Zuhause hat – der ist auch bereit für Veränderungen. Das Haus bildet die Basis, von der aus wir starten können.

Sehr entgegen kommt uns, dass von den Gemeinden Grundstücke für die Familien mit einer Art 99-Jahre-Erbpacht incl. Baugenehmigung eines Flachbaus zur Verfügung gestellt werden. Wir unterstützen mit Baumaterial und die Familien bauen in Eigenregie. Sind Eltern körperlich oder geistig dazu nicht in der Lage oder haben wir eine alleinerziehende Mutter, so unterstützen wir auch mit Manpower. Hütten sollen endgültig der Vergangenheit angehören.

Liebe Grüße von Jenny

und dem Team der Kinderhilfe